Weltreise – Kündigung – Arbeitsamt – Verzweiflung

Wenn man noch nie etwas mit dem Arbeitsamt zu tun hatte, aber die Entscheidung für eine Weltreise gefallen ist, ist das ein Thema, mit dem man sich früher oder später auseinander setzen muss. Ich teile hier meine Erfahrungen mit, um das riesengroße Mysterium „Arbeitslos melden“ etwas durchschaubarer wird.

Ich hatte meine eigene Odyssee mit dem Arbeitsamt erlebt, die ich im Folgenden kurz schildern werde. Weiter unten habe ich nochmal alle Schritte und ein paar rechtliche Rahmenbedingungen in einer Übersicht zusammengefasst.

Der erste Schritt ist immer die Kündigung beim Arbeitgeber. Sobald die Kündigung überreicht wurde, hast du 3 Tage Zeit, dich beim Arbeitsamt als arbeitsuchend zu melden. ACHTUNG: Der Tag der Kündigungsüberreichung zählt schon mit. Wie meldet man sich arbeitsuchend? Am einfachsten ist es per Telefon. Man ruft bei der Hotline an und wird mit einem netten Mitarbeiter verbunden, dem man seine Situation erklärt. Hier darf man ruhig ehrlich sein. Ich habe gesagt, dass ich gekündigt habe, weil ich eine längere Reise plane. Im Verlauf des Gesprächs wird man über alle möglichen Sachen ausgefragt (Tag der Kündigung, letzter Arbeitstag, die üblichen Standardsachen wie Name, Adresse, etc., außerdem die Qualifikationen wie Bildungsabschlüsse, Sprachkenntnisse, usw.). Am Ende bekommt man gesagt, dass demnächst Post in deinem Briefkasten landet mit einem Termin für eine persönliche Beratung. Diese ist PFLICHT! Die gute Nachricht: Es bleibt aber auch bei diesem einen Besuch. Öfter musst du da nicht hin.

In der Zwischenzeit erledigt man den nächsten Schritt: Den Antrag auf Arbeitslosengeld zu stellen; das Arbeitslos melden am Telefon ersetzt nicht das Ausfüllen des Antrags. Und ja – es ist sinnvoll und wichtig, diesen Antrag vor der Abreise zu stellen, damit die finanzielle Situation bei Rückkehr geregelt und das „Überleben“ gesichert ist. Den Antrag kann man online ausfüllen. Das Arbeitsamt nötigt einen sozusagen, es online zu tun. Dazu registriert man sich auf der Seite der Arbeitsagentur und bekommt einige Tage später Post mit dem Zugangspasswort für die erstmalige Anmeldung. Man loggt sich ein, und füllt unter „Arbeitslosengeld beantragen“ nacheinander die Fragen aus. Das so ausgefüllte Formular kann man, glaube ich, dann sogar direkt über die Seite übermitteln. Ich habe es mir ausgedruckt, weil ich außerdem eine Arbeitsbescheinigung einschicken musste und diese nur per Post versendet werden kann.

Exkurs: Arbeitsbescheinigung. Das war ein Vordruck, den ich nach der telefonischen Arbeitsuchend-Meldung per Post zugesandt bekam. Dieser Vordruck wird von deinem Arbeitgeber ausgefüllt und abgestempelt. Anhand der Angaben auf diesem Vordruck berechnet sich z.B. später auch die Höhe deines Arbeitslosengeldes.

Ausgefüllter ALG-Antrag und die Arbeitsbescheinigung von deinem Arbeitgeber werden dann an dein zuständiges Arbeitsamt geschickt.

In der Zwischenzeit hat man in der Regel auch schon Post vom Arbeitsamt erhalten, die dich zu einem persönlichen Vorstellen einladen. Dieser Termin fällt meist in deine Arbeitszeit und MUSS wahrgenommen werden; Arbeitgeber muss dich dazu freistellen.

Auch bei diesem Termin war ich sehr ehrlich: Kündigung wegen Weltreise, bla bla. Meine Sachbearbeiterin war eine ganz liebe und hat gutgelaunt darauf mit den Worten reagiert: „Na, dann muss ich mich ja gar nicht darum kümmern, Sie neu zu vermitteln, oder?“ Nein, musste sie nicht. Wir haben mehr Zeit damit zugebracht, über meine Reisepläne zu sprechen als über irgendwas anderes. Sie entließ mich mit dem Hinweis, dass ich mich melden sollte, sobald mein Ausreisetermin bekannt ist und mich damit als arbeitsuchend abmelden, denn zu dem Zeitpunkt dieses Termins hatte ich noch nichts gebucht und wusste daher nicht genau, wann es losgehen würde.

Dann heißt es jetzt erstmal warten, warten, warten. Bei mir tat sich sehr lange nichts – keine Post, gar nichts. Irgendwann stolperte ich über einen günstigen Flug und buchte diesen spontan; damit war mein Ausreisedatum fest und ich wollte mich nun beim Arbeitsamt abmelden – so wie man es mir am Telefon erklärt hatte und wie meine Sachbearbeiterin es mir auch gesagt hat. Als ich also wieder bei der Hotline anrief (Kundennummer bereit halten!), um mich als arbeitsuchend abzumelden, teilte mir die Dame am Telefon mit, es gäbe irgendein Problem mit meinem Antrag, aber sie könnte mir nicht genau sagen, was und ich würde aber innerhalb der nächsten Woche definitiv Post von ihnen bekommen. Sie hat aber trotzdem schon mal meine Abmeldung angenommen und den Ausreistermin eingetragen. Post kam nicht; dafür aber ein Anruf.

Meine Sachbearbeiterin rief an und sagte, die Leistungsabteilung verweigert mir die Bewilligung des Arbeitslosengeldes, da ich nicht als arbeitslos gelte und nach langem Hin und Her, bei dem sie mir leider nicht erklären konnte, woran es hängt, versprach sie mir, dass die Leistungsabteilung mich innerhalb der nächsten 48 Stunden persönlich anrufen würde. Genug Zeit, um verrückt zu werden. Ich habe die Zeit mit dem Lesen des Sozialgesetzbuches verbracht. Keine schöne, aber lehrreiche Lektüre.

Der versprochene Anruf kam nicht; also rief ich selbst dort an und fragte, was der Stand der Dinge ist. Die nette Frau am Telefon erklärte mir, die Bewilligung sei raus und müsste in den nächsten Tagen bei mir in der Post sein. Bewilligung? Ja. Also doch keine Probleme? Anscheinend nicht.

Einige Tage später kam der Brief tatsächlich und siehe da – Arbeitslosengeld wurde bewilligt, abzüglich einer Sperrfrist wegen Eigenkündigung. Gott sei Dank. Es hat viele Nerven und sehr viel Zeit gekostet, aber für den Seelenfrieden, mit dem man nun ins Ausland geht, wissend, dass man ein Sicherheitsnetz hat, wenn man zurückkommt, war es mir das wert.

 

Das sagt das Gesetz (hier geht es nur um das Arbeitslosengeld I):

  • Arbeitslos melden muss man sich spätestens 3 Monate vor Eintritt der Arbeitslosigkeit. Wenn zwischen Kündigung und Eintritt der Arbeitslosigkeit weniger als 3 Monate liegen, dann muss die Arbeitslosmeldung beim Arbeitsamt innerhalb von 3 Tagen erfolgen (Tag der Kündigung zählt als Tag mit) (§ 38 Abs. 1 SGB III).
  • Wenn du in den letzten 2 Jahren vor der jetzigen Kündigung sozialversicherungspflichtig beschäftigt warst, hast du Anrecht auf Arbeitslosengeld I.
  • Wenn du selbst kündigst, gilt eine sogenannte Sperrfrist von 90 Tagen, d.h. das ist die Zeit, für die dir kein Geld gezahlt wird, um die sich also dein Anspruch verringert.
  • Als „arbeitslos“ gilt nur jemand, der auch „arbeitsuchend“ ist. (§ 16 SGB III)
    (Das ist tricky, denn das war bei mir der Knackpunkt, denn weil meine Sachbearbeiterin beschlossen hat, mich nicht zu versuchen zu vermitteln, galt ich in den Augen der Leistungsabteilung nicht als arbeitsuchend und damit nicht als arbeitslos und damit nicht Arbeitslosengeld-berechtigt. Das ist etwas, was sie dann wohl intern gelöst zu haben scheinen, denn meine Bewilligung hab ich ja letzten Endes bekommen, aber es ist dennoch nervenaufreibend, weil sich das Arbeitsamt nach wie vor bei der Situation „Kündigung wegen Langzeitreise“ etwas steif anstellt.)
  • Arbeitslosengeld wird für 360 Tage bewilligt (§ 41 SGB II), abzüglich der Sperrzeit von 90 Tagen; das heißt im Falle einer Eigenkündigung bekommst du nur 270 bezahlte Tage (§ 148 SGB III).
  • Nach Eingang der Bewilligung hast du 4 Jahre Zeit, das Arbeitslosengeld in Anspruch zu nehmen. Reist du also länger als 4 Jahre, verjährt dein Anspruch und du bekommst nichts nach der Rückkehr (§161 Abs. 2 SGB III).

 

Ablauf:

  1. Sofort nach der Kündigung bei der Hotline vom Arbeitsamt anrufen und sich arbeitslos melden (alternativ über die Seite der Arbeitsagentur, aber telef. ist einfacher).
  2. Sich auf der Seite der Arbeitsagentur registrieren und auf den Zugangscode (kommt per Post) warten.
  3. Einloggen, Antrag auf Arbeitslosengeld ausfüllen und übermitteln. Oder Ausdrucken und per Post senden.
  4. Arbeitsbescheinigung (kommt per Post) dem Arbeitgeber zum Ausfüllen weiterleiten. Manche Arbeitgeber schicken sie dann direkt selbst an das Arbeitsamt. Meiner hat sie mir zurückgegeben, so dass ich sie selbst wegschicken konnte. Ich habe sie zusammen mit dem ausgedruckten ALG-Antrag per Post geschickt.
  5. Auf Post mit dem Termin zum persönlichen Gespräch warten.
  6. Termin wahrnehmen (Personalausweis dazu mitnehmen).
  7. Auf Post mit der Bewilligung warten. Wenn sich nichts tut, telefonisch nachhören.
  8. Wenn Bewilligung eingegangen ist, sich als arbeitsuchend abmelden. ACHTUNG: Du musst mindestens einen vollen Tag arbeitslos im Land sein bevor du ausreist. Aufpassen bei Resturlaub. Da gilt man noch nicht als arbeitslos und darf entsprechend auch noch nicht ausreisen bzw. muss für den ersten Tag der Arbeitslosigkeit wieder zurückkommen und 1 Tag im Lande sein.
  9. Sperrfrist läuft während deiner Abwesenheit aus.
  10. Nach der Rückkehr beim Arbeitsamt melden und sagen, „Hallo, bin wieder da und bin wieder arbeitsuchend und möchte deshalb bitte mein Arbeitslosengeld (weiter)gezahlt bekommen.“

Ich war zu jedem Zeitpunkt und bei jedem Gespräch sehr ehrlich über meine Kündigungsgründe (=Reisepläne). Das hat mir natürlich die Vermittlungsversuche erspart während ich auf den Bewilligungsbescheid gewartet habe, hat aber auch Nerven gekostet. Ohne es 100%ig zu wissen, habe ich den Verdacht, dass das der Grund war, warum die Leistungsabteilung kurzzeitig mir den Anspruch verweigern wollte, auch wenn die Entscheidung, mich nicht zu vermitteln ja von meiner Sachbearbeiterin getroffen wurde (und völlig zurecht, meines Erachtens – aber das ist nach wie vor etwas, wofür das Arbeitsamt einfach noch kein systematisches Schema hat).

Falls ihr ähnliche Probleme oder Erfahrungen macht – ruhig und sachlich bleiben und aufs gesetzlich garantierte Recht beharren: Die Arbeitslosenverischerung, die ihr während euerer Beschäftigung bezahlt, ist eben das: eine Versicherung. Und wirst du arbeitslos, hast du Anspruch auf Leistungen.

 

Informationsstand: August 2016 | alle Angaben ohne Gewähr

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